10 Jahre Schweden

Achtung! Laaaanger Text!

Heute vor genau 10 Jahren habe ich mich von Wien aufgemacht um ein Jahr in Schweden zu leben und zu arbeiten. Tja… ein Jahr wurde zu 15 Monaten als Expatriate, danach eine Projektanstellung und schließlich im August 2009 eine Fixanstellung.

Alles begann im August 2006 mit der Frage „Würdest du vielleicht als Karenzvertretung für ein Jahr zu uns nach Sandviken kommen wollen?“ Ich dachte erst, das wäre ein Scherz aber in meinem Kopf fraß sich diese Idee fest und ich dachte oft drüber nach. Zwei Wochen später wurde ich dann gefragt, ob ich es mir überlegt hatte und da wurde mir endlich bewusst, dass die Frage ernst gemeint war.

Ich sagte „Ja, ich will!“ 😉

Naja, wie gesagt, am 27. Dezember 2007 flog ich also mit zig Kilogramm Übergepäck über Prag nach Stockholm. Ein großer Koffer blieb in Prag hängen, wahrscheinlich haben die sich gewundert warum jemand mit fünf Koffern herumfliegt und guckten nach was drin ist, aber zwei Tage später wurde er zugestellt.

Woran ich mich noch gut an diesem ersten Abend in Sandviken erinnere ist, dass wir gleich mal losgingen um Frühstück zu kaufen, also Kaffee, Milch, Zucker, Brot, Wurst, Käse… irgend so etwas wohl, kann mich nicht genau erinnern. Aber was ich noch ganz genau weiß ist, dass wir vor der Kühltheke standen und da massenweise Päckchen mit „Mjölk“ (also Milch) waren…. Welches sollten wir nehmen? Es war definitiv das falsche denn wie sich am Morgen herausstellen sollte, ist „Filmjölk“ Sauermilch und nicht gerade für Kaffee geeignet. 😀

Einer meiner damaligen Kollegen, Bosse, wollte uns dann auch unbedingt den „Kungsberget“ (Königsberg) zeigen, zu dem u.a. die Leute aus dem ca. 200 km entfernten Stockholm zum Schifahren kommen. Am Weg dorthin war „rush hour“, d.h. es waren ca. 10 Autos gleichzeitig auf der Straße. Unter Rush Hour stellt man sich als Wienerin was anderes vor. Wir fuhren und fuhren und ich dachte mir, dass man jetzt aber schön langsam Gebirge sehen müsste, denn laut Bosse fuhr man ja nur eine halbe Stunde … aber alles war eher flach oder nur leicht hügelig. Dann fuhren wir eine Kurve und Bosse zeigte nach vorne und berichtete stolz „Das da ist Kungsberget!“ und ich konnte mich kaum halten vor Lachen. Ich glaube, der Wiener Kahlenberg ist höher als Kungsberget!!! Kungsberget liegt sage und schreibe 309 m über dem Meeresspiegel. Aber! Es gibt ganze 22 Pisten und 12 Lifte und die längste Piste ist 1700 m lang. Es wurde in den letzten Jahren auch mächtig investiert und somit sind jetzt rund 1000 Gästebetten in der Gegend verfügbar und das Geschäft scheint gut zu laufen.

Wie es kam, dass aus dem Abenteuer „Ein Jahr Expatriate“ nun schon zehn Jahre wurden, lässt sich wohl mit „Herzliche Leute, schöne Gegend, ruhigeres Leben“ zusammenfassen aber die zehn Jahre waren nicht nur Zuckerschlecken.

Es war ja eigentlich Kurts Idee für immer nach Schweden zu ziehen und damals schien das auch eine tolle Idee zu sein. Das Problem das dann kam, war ein globales…nämlich die Finanzkrise 2008/2009. Kurt war da schon in Schweden (er kam erst 2008 nach) und lernte erst Schwedisch und ging dann in die Schule, d.h. er besucht einige Kurse und bekam dafür ca. 500 Euro Studienbeihilfe (als EU Bürger hat man sonst keine Recht auf Sozialleistungen, z.B. kein Recht auf Arbeitslosengeld bzw. nur für drei Monate wenn ich mich recht erinnere). Ich hatte meine zeitbefristete Anstellung und damals mieteten wir eine Wohnung in Sandviken. Tja, dann kam also die Krise und das Unternehmen für das ich arbeite(te) beschloss, alle diese Verträge nicht zu verlängern… ich würde arbeitslos werden! Tolle Aussichten für eine Ausländerin, wenn der größte Arbeitgeber in der Gegend Aufnahmestopp hat. Das war echt eine besch*** Zeit kann ich euch sagen. Uns wurde von der Firma ein Jobcoaching angeboten und da war ich zwei Mal.

Wie gesagt war Aufnahmestopp im Konzern aber … innerhalb des Einkaufs war eine von ganzen acht Stellen zu besetzen (in normalen Zeiten gibt es global +/- 300 offene Stellen im internen Stellenportal) weil es dabei um ein Projekt ging das langfristig Kosteneinsparungen für den gesamten Konzern bringen würde.

Ich las die Anzeige damals und schob sie in die Kategorie „IT Experte“ und somit nichts für mich. Irgendwann las ich die aber vor lauter Verzweiflung nochmals und offensichtlich genauer denn am Ende dachte ich mir, naja, vielleicht habe ich ja doch eine Chance… ich probiere es einfach… und schickte die Bewerbung am letzten Tag ein. Tja, und wie durch ein Wunder bekam ich doch tatsächlich eine von acht Stellen die es damals gab. Und das beste… es war sogar eine Fixanstellung! Ich musste zwar 200 Euro weniger Gehalt akzeptieren aber zu der Zeit war ich froh, dass ich überhaupt einen Job hatte!

Und wisst ihr was, das war der bisher beste Job … und vor allem waren wir ein Spitzenteam. Außer mir gab es von Seiten des Konzerns noch meinen Chef und einen Projektleiter und ansonsten Leute von IT und den Einkaufsabteilungen der Geschäftsbereiche. Und wir alle hatten den gleichen Humor und verstanden uns blendend. Ich habe noch in keinem Job so viel gelacht wie in diesen drei Jahren – und das obwohl wir wirklich was weiterbrachten. Einer der IT Leute spielte in seiner Freizeit Gitarre und beim Abschlussgrillfest spielte er den eigens für das Projekt komponierten Song vor. Das war echt etwas Außergewöhnliches. Mir kommen fast die Tränen wenn ich dran zurückdenke…

Nach dem Abschluss des Projektes sollte ich für die laufende Verwaltung, Verbesserungen, Datenqualität, Ausbildung der User etc. verantwortlich sein aber in der Zwischenzeit war wieder mal umorganisiert worden und alle IT Systeme lagen dann im übergeordneten Verwaltungsbereich in Indien. Alle die mich persönlich kennen wissen, dass mich Nationalitäten noch nie interessiert haben und ich keine Probleme mit anderen Kulturen und Mentalitäten habe solange die Person freundlich und höflich ist. Aber nach dem ersten Treffen mit dem damaligen Chef aus Indien wusste ich, dass das „mit uns“ nicht funktionieren würde. Später erfuhr ich dann, dass die meisten Frauen mit denen er Kontakt hatte, seine Art Frauen gegenüber nicht akzeptierten aber das half mir ja damals nicht weiter. Ich überlegte was ich tun sollte und wie es der Zufall wollte, wurde jemand aus Finnland als u.a. Managerin für Kommunikation im Einkauf nominiert. Ich kannte besagte Managerin und fragte sie frech, ob sie nicht Unterstützung bräuchte (ich habe ja vor dem Einkaufsprojekt mit Marketing und Kommunikation gearbeitet). Sie war ganz erfreut über mein Engagement und so einigten wir uns auf erst mal 20% meiner Zeit … aber kurz darauf wurden es 100% und die Welt war wieder halbwegs in Ordnung.

Aber irgendwie war auch das nicht das wahre…. Selbst saß ich in Sandviken, meine Chefin in Turku/Finland, deren Chef in Fagersta/Schweden … und Meetings gab es meistens in Stockholm… das war teilweise mühsam weil man vor allem auch viele Informationen einfach nicht bekam die man aber eigentlich wissen sollte. Die ständigen Umorganisationen waren auch zermürbend, vor allem als dann der Einkauf neu organisiert wurde und auch hier Kündigungen ausstanden. Ich war zwar nicht betroffen aber deswegen ist die Stimmung am Arbeitsplatz ja nicht unbedingt besser.

Dann bekam ich eine neue Chefin die zwar in Schweden saß aber nicht in Sandviken sondern in Fagersta. Ich bekam noch weniger Informationen und war es ehrlich gesagt leid … und bewarb mich bei einer alten Kollegin die in der Zwischenzeit Managerin geworden war und für Veranstaltungen und die Schulungszentren zuständig war. Ich bekam den Job aber dann hieß es warten denn auch wenn ich da nicht mehr in der Holding sondern in einem Produktbereich tätig war, waren Einsparungen angesagt. Da wir aber damals noch nicht wussten, welche Schulungszentren geschlossen werden würden, konnten wir nicht mit unserer Arbeit (der Modernisierung jener Zentren) beginnen.

Naja, und es kam wie es kommen musste… die nächste Kündigungswelle brach herein… diesmal sollten 150 Leute verschwinden. Am 8. Februar 2016 sollte jeder einzelne Mitarbeiter erfahren, was mit ihm/ihr geschehen würde. Anfangs fühlte ich mich sicher, schließlich arbeitete ich ja schon 15 Jahre bei dem Unternehmen aber die Tage vor dem 8. Februar waren trotzdem schlimm. Am Morgen des 8. kam ich wie üblich kurz vor 9 Uhr ins Büro und eine Kollegin kam mir weinend entgegen, drückte sich an mir vorbei und ging durch die Tür hinaus Also war unsere Abteilung auch betroffen… sch***. Dann war es Zeit für mein Gespräch.

Mein Job wird gestrichen aber weil ich schon so lange bei der Firma bin und dafür qualifiziert bin, bekäme ich den Job der Kollegin die gekündigt worden ist, den Job jener Kollegin die weinend an mir vorbei hinausgestürmt ist. Ein Job der mich weniger als gar nicht interessierte und den ich schlicht und ergreifend nie freiwillig machen würde. In diesem Moment starb der Teil von mir der für just diese Firma „brannte“, der Teil der sich als ein wichtiger Teil des Ganzen fühlte. Es ist schwer zu erklären, aber ich könnte mir vorstellen, dass man vielleicht ein klein wenig so fühlt, wenn man vom Partner betrogen wird. Beim ersten Seitensprung (der ersten Kündigung) kann man noch verzeihen, beim zweiten Mal ist das ein „Schnitt“ der nicht wieder gutzumachen ist. Man lebt zwar noch zusammen und mag sich vielleicht immer noch aber es ist nicht mehr so wie früher, selbst wenn man es versucht. Ich war zum Glück noch nie in so einer Situation aber wie gesagt, ich könnte mir vorstellen dass es im Prinzip das gleiche Gefühl ist auch wenn Partnerschaft und Arbeit wirklich nicht miteinander vergleichbar sind. 😊

Und um das Ganze für mich noch unerträglicher zu machen, durfte ich nichts sagen, bevor ich mich entschieden hatte. Ich hätte nämlich auch das „Angebot“ abschlagen können und dann wäre ich gekündigt worden. Aber man konnte mir nicht garantieren, dass die Kollegin dann ihren Job behalten würde. Es hätte auch sein können, dass einer der anderen Personen die auch gekündigt worden sind, besser für diese Position geeignet wäre (auf dem Papier natürlich nur) als die Kollegin und dann hätte diese Person das Jobangebot bekommen. Ansonsten hätte ich wirklich überlegt ob ich nicht kündigen soll denn diese „Bürde“ war so ziemlich das Schlimmste das es gibt. Jemand anders muss leiden wegen mir. So fühlte sich das an.

Wenn ich wollte, könnte ich mir den Rest der Woche frei nehmen (gegen Bezahlung) damit ich ausgiebig drüber nachdenken konnte und eigentlich dachte ich mir, dass das nicht nötig sei. Aber dann kam ich nach langem Zaudern wieder zurück ins Großraumbüro … aber ich konnte da nicht sitzen und so tun als sei alles in Ordnung. Also packte ich kurz darauf meine Sachen und fuhr nach Hause, hauptsächlich weil ich keinem meiner Kollegen in die Augen schauen konnte. Ich fühlte mich wie der ärgste Betrüger und Lügner. Das war natürlich vollkommen irrational denn es war ja nicht meine Entscheidung gewesen. Ich versuchte mit mäßigem Erfolg von daheim aus zu arbeiten und blieb wie angeboten auch den Rest der Woche daheim. Das schlimme war, als dann tags drauf die Kollegen per Chat fragten, wie es mir ginge und ob alles ok wäre. Wieder fühlte ich mich wie ein Lügner als ich antwortete und entschied dann, mich aus dem Chat auszuloggen weil ich das nicht mehr ertrug.

Stattdessen schrieb ich wieder mal eine Bewerbung. Mal wieder zu einer Stelle die ich beim ersten durchlesen als ungeeignet eingestuft hatte. Dann beim genaueren Lesen überlegte ich ob ich nicht vielleicht doch eine Chance hätte. Es waren zwar viele Fähigkeiten gelistet die ich nicht hatte aber die standen auch unter „gewünscht“… die „geforderten“ Fähigkeiten waren da schon leichter zu erfüllen. Wenn ihr euch wundert warum es offene Stellen gibt trotz Kündigungswelle dann, weil gerade diese Abteilung davon verschont worden ist, da sie aufgrund von Dezentralisierung neu geschaffen wurde. Auch diese Bewerbung schickte ich recht spät, am vorletzten Tag, ab und bekam auch schon kurz darauf die Einladung zum Gespräch.

Nach dem Gespräch hatte ich ein recht gutes Gefühl denn meine damals bald zukünftige Chefin hat nicht gerade ein Pokergesicht und so konnte ich sehr deutlich sehen, dass ihr meine Antworten gefielen… sie wechselte auch immer seeeehr bedeutungsvolle Blicke mit dem HR Berater der ebenfalls beim Gespräch anwesend war.

Ein paar Tage später bekam ich einen Anruf von der HR Abteilung, dass ich „den Großvater“ treffen sollte. Der Großvater ist der Chef des künftigen Chefs der in den meisten Fällen auch sein Einverständnis geben muss. Manchmal gibt es auch Persönlichkeitstests und man trifft seine zukünftigen Kollegen bevor die endgültige Entscheidung fällt. In diesem Fall bekam ich also schon einen Gesprächstermin beim „Großvater“ noch bevor ich überhaupt Bescheid bekommen hatte, weiter gekommen zu sein. Der Termin sollte an einem Dienstag sein und am Freitag davor parkte ich gerade am Firmenparkplatz ein als ich einen Anruf bekam. Ob ich kurz Zeit für ein Gespräch hätte … klar hatte ich. Und 10 Minuten später hatte ich die Jobzusage in der Tasche. Vom Abschicken der Bewerbung bis zur Zusage zum neuen Job vergingen gerade mal zwei Wochen.

Zum Glück hatte die gekündigte Kollegin zwar schon ein Bewerbungsgespräch gehabt und auch provisorisch schon zugesagt aber sie hatte noch keinen Vertrag unterschrieben und wollte wieder zurück. Ende gut, alles gut.

Der Februar 2016 war eine Berg- und Talfahrt der Gefühle… es war schrecklich. So was wünscht man niemandem und vor allem hinterlässt es ein schales Gefühl. In Schweden sagt man gerne dass die Mitarbeiter das wichtigste Kapital einer Firma sind aber solche Sachen lassen einen daran zweifeln.

Doch auch in diesem Job lief nicht alles nach Plan denn meine Chefin wechselte zu einem anderen Geschäftsbereich und mit meinem neuen Chef musste ich auch erst mal warm werden. Er ist ein netter und sympathischer Mensch aber seine Arbeitsweise ist umständlich und mittelalterlich. Nachdem der Arbeitsbereich auch total neu für mich ist und ich erst reinkommen musste, war es auch nicht unbedingt förderlich dass er sich gleich anfangs beim Radfahren den rechten Arm doppelt gebrochen hat und zwei Monate krankgeschrieben war. Aber jetzt haben wir uns zusammengerauft und es klappt ganz gut.

So, das war dann mal das was außerhalb der Blogberichte so in den 10 Jahren passiert ist. Was Maya und Haus betrifft, seid ihr ja auch dem Laufenden, wenn ihr fleißig mitlest und Privatleben soll Privatleben bleiben. Wobei… demnächst kommt ein Bericht über meine Herbergssuche 😊

Hin und wieder werde ich gefragt, ob ich denn nicht nach Österreich zurückgehen möchte. Klar denkt man manchmal drüber nach aber wenn ich dran denke, dass es in Wien im Sommer regelmäßig knapp 40 Grad hat, vergeht es mir wieder. 😉

Und was habe ich in Österreich? Keinen Job, keine Unterkunft … eine Familie mit der ich sowieso nicht viel Kontakt habe. Einige Freunde vermisse ich und die Tatsache, dass ich nach 10 Jahren noch immer weit entfernt von perfektem Schwedisch bin gibt mir zu denken, aber sonst? Vor allem wenn ich mir auch die politische Entwicklung in Österreich anschaue, vergeht es mir.

Hier gibt es Wölfe, Elche, Rehe, Hasen, Füchse, Dachse, Eichkätzchen zu bestaunen, es gibt im Winter richtigen Schnee (leider immer seltener), es ist im Vergleich zu Wien ruhig und die Luft ist sauberer. Man kann oft richtig viele Sterne am Abendhimmel sehen und ich hoffe ja immer wieder auf Nordlichter aber das kommt sicher noch. Man muss hoffen, dass man hier nicht ernsthaft krank wird denn es mangelt an Ärzten und Schwestern und das nächste Krankenhaus in Gävle hat eher den Ruf eines Horrorkrankenhauses.

Das Leben hier in Sandviken ist langsamer als in Wien. Das Privatleben hat einen hohen Stellenwert. Da kann es schon mal vorkommen, dass der oberste Chef nach Hause muss weil das Kind krank ist … und das ist ganz normal. Kind ist wichtiger als Job. Auch dass ich mit Maya alle zwei Wochen zur Rehab fahre kümmert hier keinen solange die Arbeit gemacht wird. Wenn man eine Lieferung bekommt oder Handwerker im Haus hat, arbeitet man eben von daheim aus und nimmt via Skype an Meetings teil. Kein Problem. Hab mich auch schon geweigert für ein zwei Stunden Meeting nach Stockholm zu fahren. Ist ja auch voll unnötig 4 Stunden im Auto zu sitzen für Sachen die man am Telefon besprechen kann.

Hier kann man auch mit der obersten Manageretage ganz normal reden und scherzen. Es gibt hier nicht so eine Hierarchie wie z.B. oft in Österreich. Einmal nahm mich der Vice President Supply Chain mit seinem Auto von Gävle nach Sandviken mit wo wir bei der Pensionsfeier meines Chefs aus Einkaufsprojektzeiten waren. Ich sollte dann am Firmenparkplatz auf Kurt warten, der mich die letzten 20 km nach Hause bringen würde. Da fragte mich der VP ob er nicht warten sollte damit ich keine Angst haben brauchte. Ich konnte mein lautes Lachen nicht zurückhalten und meinte nur „Ich komme aus Wien. Da hat man in Sandviken keine Angst!“ Kurz gesagt, ich fühle mich hier sicher … die Einheimischen nicht so. Alles ist relativ. 😊

Im Winter ist es knapp nach 15 Uhr schon wieder dunkel aber dafür freut man sich wenn Weihnachten vorbei ist denn dann wird es jeden Tag wieder ein paar Minuten länger hell. Den Schweden macht es nicht so viel aus, Schlange zu stehen und somit ist es an den Supermarktkassen meistens entspannt… ein riesiger Kontrast zu Wien. Allgemein ist die Freundlichkeit hier viel größer. Wenn man irgendwo anruft (Steueramt, Stelle die für Grundbucheinträge zuständig ist) bekommt man eine freundliche Auskunft und es wird wirklich versucht, einem zu helfen. In Österreich fühlt man sich wie ein Sklave der es wagt seinen Herrn unerlaubt anzusprechen. Die Schweden sind auch freundlich zu Personen die nicht perfekt oder gar nicht Schwedisch können. In Österreich wird man in den meisten Fällen wie ein Mensch 2. Klasse behandelt, wenn man die Sprache (noch) nicht beherrscht.

Hier in Schweden kann man so gut wie alles über einen anderen Menschen herausfinden. Man braucht nur eine SMS schicken (und ein paar Kronen bezahlen) um herauszufinden, wie viel der Nachbar verdient. Die Geburtstage kann man leicht auf einer Website herausfinden, das Geburtsjahr gleich dazu… auch wer an der gleichen Adresse gemeldet ist. Geht in Nullkommanix. Man kann Steuererklärungen übers Internet machen und auch sonst so ziemlich alles so lange man eine „Personnummer“ hat, das ist so wie die Versicherungsnummer. Allerdings kann man ohne Personnummer nicht mal einen Handyvertrag abschließen.

Öl ist Bier und Bio ist Kino.

Und Fika ist nichts unanständiges sondern einfach eine Kaffeepause. 😉

Ansonsten ist die schwedische Sprache relativ leicht zu lernen, wenn man Deutsch und Englisch kann. Die richtige Aussprache ist aber schon was anderes.

Ich kann mich noch gut erinnern wie jemand auf meine Ankündigung nach Schweden zu gehen sagte: „Aha, bist du auch so eine Karrierefrau!“ … und das war nicht als Kompliment gedacht. Damals hat mich diese Aussage erstaunt (dass man das so auffasst) und auch verärgert. Fakt ist, wenn ich nach der Expatriate Zeit nach Wien zurück gegangen wäre, hätte ich wohl Karriere gemacht. Die Tatsache dass ich in Schweden geblieben bin und hier nur ein Ausländer unter vielen bin, hat mich in meiner „Karriere“ zurückgeworfen. Dafür habe ich definitiv mehr Lebensqualität als in Wien. Und das ist wichtiger. 😊

 

 

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4 Antworten zu 10 Jahre Schweden

  1. Claralotti schreibt:

    10 Jahre? Wow!
    Danke, dass Du Deine Geschichte mit uns teilst!

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  2. wortsonate schreibt:

    Danke für deinen offenen Einblick; zurückgehen würde auch bedeuten wieder vorn anfangen und dann würde ich deine Schwedenberichte und Bilder vermissen. Es ist gut so wie ist, du hast dir dort ein Leben aufgebaut, und es ist immer interessant.

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  3. barbary2411 schreibt:

    Danke vielmals für deinen ehrlichen Bericht!
    Ich freute mich sehr, von deinen Jahren – und deinen Hürden – in Schweden zu lesen und doch lese ich in allem deine Liebe zu Schweden heraus.
    Und hey! Es gibt noch ein freundlicheres Volk als die Wiener??? Die Schweden??? Echt jetzt???

    Komm mal nach Deutschland, respektive nach Stuttgart, nachdem du in Wien warst! Ich garantiere dir: Du wünschst dich zu 350.000% alleine nach Wien zurück!!! 😀

    Und P.S.: Ist es schon soooo lange her, dass ich bei dir in Wien war in deiner Wohnung, mit dir täglich nach Wien in die Innenstadt fuhr und die Stadt erkundet habe??? Oh Mann!!! Die Zeit vergeht! Ich bin entsetzt! 😀

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